Mein letztes Fest

Julia Schnizlein macht Mut, das eigene Begräbnis zu planen

Wissen Sie schon, wie Sie einmal begraben werden wollen? Im Sarg oder in einer Urne? Auf dem Friedhof oder unter einem Baum? Mit Orgelmusik, Blechbläsern oder Ihrem Lieblingslied?

Ich stelle Ihnen diese Fragen heute, an Allerheiligen, ganz bewusst. Denn als Pfarrerin erlebe ich immer wieder, wie der Tod aus unserem Leben verbannt wird. Als könnten wir ihn auf Abstand halten, solange wir nicht über ihn reden.

Doch damit tun wir niemandem einen Gefallen. Im Gegenteil. Wenn ein Mensch stirbt, sind die Hinterbliebenen oft wie gelähmt. Erschüttert angesichts der Endgültigkeit des Verlusts. Und gleichzeitig müssen so viele Entscheidungen getroffen werden. Wer soll zur Beerdigung eingeladen werden? Welche Musik hätte sie gewollt? Welcher Bibelvers hätte zu ihm gepasst? Hätte sie überhaupt eine kirchliche Feier gewünscht? Viele Angehörige sind ratlos, weil nie über den Tod gesprochen wurde. Selbst dann nicht, wenn er sich schon deutlich angekündigt hatte.

Wie tröstlich ist es dagegen, wenn Wünsche bekannt sind. Wenn die Tochter sagen kann: „Das war Mamas Lieblingslied.“ Wenn die Familie weiß: Genau so hätte er sich seinen Abschied vorgestellt. In einer Zeit, in der man nichts mehr ändern kann, darf man wenigstens noch etwas für den geliebten Menschen tun.

Im Sommer rief mich ein Mann an. Er wollte sein eigenes Begräbnis planen. Wir saßen mit seiner Familie zusammen und besprachen die Musik, die Texte, sogar die Worte auf seiner Parte. Es war eine schöne Begegnung. Und wir haben viel gelacht. Mittlerweile ist er verstorben. Wir haben ihn genau so verabschiedet, wie er es sich gewünscht hatte.

Es war ein besonders schönes Begräbnis. Weil dieser Mann in jedem Lied, in jedem Wort noch einmal lebendig wurde. Er hatte seinen Lieben ein letztes Fest hinterlassen. Und ihnen gleichzeitig eine große Last abgenommen. Für mich war das ein Liebesdienst. Denn ein Begräbnis ist vor allem für die da, die zurückbleiben.

Das Reden über den Tod aber hat seinen Platz mitten im Leben. „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“, heißt es in Psalm 90. Das klingt für manche vielleicht düster. Für mich ist es ein Satz voller Lebenslust! Denn wer weiß, dass die gemeinsame Zeit begrenzt ist, nimmt sie weniger selbstverständlich hin. Genießt den Kaffee in der Sonne. Ruft einen Menschen an, statt es wieder aufzuschieben. Fragt sich, was wirklich wichtig ist. Und vor allem: wer.

Mein eigenes Begräbnis habe ich übrigens auch schon im Kopf: Ich wünsche mir Blechbläser und ein Lied von den „Toten Hosen“. Auf meinem Grabstein sollen die Worte aus dem berühmten evangelischen Lied stehen: „Von guten Mächten wunderbar geborgen“. Denn genau das werde ich dann sein: In Gottes Armen geborgen. Auch dann, wenn mich hier niemand mehr in den Arm nehmen kann.

Heute, zu Allerheiligen, werden viele Menschen Gräber besuchen, Kerzen anzünden und an die denken, die fehlen. Vielleicht ist das auch ein guter Tag, um mit denen zu reden, die noch da sind. Über ihre Wünsche. Über unsere eigenen. Und darüber, was wir miteinander erleben möchten, solange wir es noch können.

Mehr Gedanken über den Tod und den Sinn des Lebens gibt es im Podcast „Über das Ende“. Darin sprechen Julia Schnizlein und ihr Kollege Konstantin Sacher abwechselnd mit bekannten Persönlichkeiten über das, was uns angesichts des Endes bewegt.